SAP-Vorstand warnt vor “Frankenstein-Architektur”
SAP-Vorstand Thomas Saueressig: “On-Premises-KI bedeutet letztlich, moderne Technologie mit der Vergangenheit zu verkabeln.”SAP SE – Sylviane Brauer
Wie CEO Christian Klein hat auch Thomas Saueressig, SAP-Vorstand und Leiter des Bereichs Customer Services & Delivery beim Walldorfer Softwarekonzern, eine differenzierte Ansicht, was digitale Souveränität, KI und Cloud sowie die Kombination davon angeht. Welche, erklärt er im Gespräch mit CW-Redakteur Manfred Bremmer.
Herr Saueressig, welche Rolle spielt KI für die SAP?
Thomas Saueressig: Künstliche Intelligenz (KI) ist für SAP ein äußerst spannendes Thema – und das in mehrfacher Hinsicht. Einerseits wollen wir unseren Kunden ermöglichen, KI gezielt in ihren Geschäftsprozessen einzusetzen, um echte Mehrwerte zu schaffen. Andererseits nutzen wir KI auch intern, um unsere eigene Produktivität zu steigern und als Vorbild für den verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien. In beiden Bereichen haben wir enorme Fortschritte gemacht.
Besonders wichtig ist uns dabei, dass KI-Lösungen nicht einfach nur als Zusatz angeboten werden, sondern fest in unsere Produkte integriert sind. So profitiert jede Rolle im Unternehmen von passgenauen Szenarien – vom Buchhalter bis zum HR-Manager.
“Wir machen KI zu einem festen Bestandteil der Geschäftsprozesse”
Wie kommt das im Markt an?
Saueressig: Unser Ansatz kommt im Markt sehr gut an. Viele Unternehmen haben in der Vergangenheit KI-Projekte gestartet, die aber oft noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben – meist, weil KI als isoliertes Projekt betrachtet wurde. Unser Ansatz der „Embedded KI“ setzt genau hier an: Wir machen KI zu einem festen Bestandteil der Geschäftsprozesse, sodass unsere Kunden ohne großen Aufwand von den Vorteilen profitieren. Die eigentliche Differenzierung entsteht dabei durch die Verbindung von Prozess- und Geschäftsdaten, die wir als SAP besonders gut abbilden können.
Welches LLM kommt dann zum Einsatz? Von Open AI oder doch eher Aleph Alpha, in das SAP ja investiert hat?
Saueressig: Wir bieten über unseren GenAI Hub auf der SAP Business Technology Plattform (BTP) alle gängigen Large Language Models (LLMs) an – darunter Mistral, Cohere und andere. Für jeden Anwendungsfall wählen wir das Modell, das die besten Ergebnisse liefert. Mit unserem Prompt Optimizer gehen wir sogar noch einen Schritt weiter: Künftig wird automatisch das jeweils optimale Modell genutzt, ohne dass der Kunde selbst eingreifen muss. So bleiben unsere Kunden flexibel und unabhängig.
Ist eine Cloud-Anbindung dafür unbedingt notwendig? Es gibt ja auch Kunden mit eigenen Rechenzentren, die ihre LLMs selbst hosten.
Saueressig: Um das volle Potenzial von KI auszuschöpfen, ist die Cloud tatsächlich entscheidend. Die technologische Entwicklung ist extrem dynamisch – nur in der Cloud können wir neue Funktionen und Modelle effizient, aktuell und skalierbar bereitstellen. Wer versucht, KI-Agenten on-premise über zig Tunnel und Gateways zu betreiben, schafft sich eine teure, schwer zu wartende und schnell veraltete „Frankenstein-Architektur“ an. Die Cloud bietet die notwendige Flexibilität, um KI-Lösungen sinnvoll und zukunftssicher einzusetzen.
“Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem”
Das sehen einige Unternehmen, speziell in Deutschland, aber anders…
Saueressig: Nirgendwo sonst auf der Welt wird dieses Thema so intensiv debattiert wie hier. Statt Innovation aktiv zu gestalten, verharren wir oft in alten Strukturen und machen uns dadurch zunehmend abhängiger. Es wundert mich nicht, dass wir im DESI-Index mittlerweile auf Platz 14 bei der Digitalisierung in Europa gerutscht sind, obwohl Deutschland die größte Volkswirtschaft ist.
Seit 15 Jahren schauen wir nach Estland, wenn es um Digitalisierung geht – wir haben also kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Natürlich kann man über On-Premises-KI diskutieren. Aber das bedeutet letztlich, moderne Technologie mit der Vergangenheit zu verkabeln. Das ist keine gute Strategie für digitalen Fortschritt.
Mittlerweile bieten alle Hersteller KI-Lösungen an. Wie stellen Sie sicher, dass diese Lösungen miteinander vernetzt sind?
Saueressig: Vernetzung gelingt nur durch echte Interoperabilität. Systeme müssen heute nahtlos zusammenarbeiten. Agenten müssen zusammen agieren und sich über unterschiedliche Reasoning-Modelle hinweg verständigen können. Wir sind Gründungsmitglied des „A2A-Protokolls“, einem offenen Standard für die Interaktion zwischen Agenten. Unser digitaler Copilot Joule hat sich zu einem Multi-Agent-Framework entwickelt und kann über das A2A-Protokoll auch mit Drittanbietern und Non-SAP-Agenten interagieren.
Ebenso entscheiden ist die Datenbasis: KI entfaltet ihren vollen Nutzen nur mit hochwertigen, differenzierten Daten. Mit der SAP Business Data Cloud bieten wir einen semantisch harmonisierten Datenlayer, der SAP- und Non-SAP-Datenprodukte verbindet. So lassen sich relevante Mehrwerte erschließen, auch für den Einsatz von KI.
“Wir setzen KI in nahezu allen Bereichen des Unternehmens aktiv ein”
Sie haben eingangs erwähnt, dass SAP KI auch intern einsetzt. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gesammelt – welche Effekte lassen sich dadurch konkret heben?
Saueressig: Wer Innovationen und ihren Nutzen wirklich verstehen will, muss sie selbst erleben. Genau das tun wir bei SAP und setzen KI in nahezu allen Bereichen des Unternehmens aktiv ein. Nehmen wir meinen Verantwortungsbereich: Im Customer Support werden mittlerweile über 80 Prozent aller Kundenanfragen automatisch durch KI gelöst, bevor überhaupt ein Ticket entsteht. Das entlastet unseren Support erheblich und sorgt für hohe Kundenzufriedenheit – der Customer Satisfaction Score liegt bei über 90 Prozent. Angesichts unseres stark wachsenden Cloud-Geschäfts und der steigenden Kundenzahlen ist das ein echter Vorteil: KI hilft uns dabei, dieses Wachstum effizient zu begleiten, ohne dass die Kosten für unsere Kunden proportional steigen. Genau darin liegt der Produktivitätshebel, den viele Unternehmen heute suchen.
Auch in der Beratung entfaltet KI ihre Wirkung: Joule for Consultants unterstützt unsere Berater täglich dabei, Implementierungsprojekte zu beschleunigen. KI hilft uns auch dabei, die Lücke zwischen der hohen Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften im SAP-Umfeld und den verfügbaren Spezialisten gezielt zu schließen.
Das sind natürlich klassische ‚Quick Wins‘, die auch andere Anbieter anführen. Gibt es etwas, das speziell für SAP typisch ist? Ich denke dabei etwa an ERP-Prozesse.
Saueressig: Gerade im ERP-Kontext setzen wir KI-Agenten gezielt ein. Der Accounting Accruals Agent automatisiert die Bildung von Rückstellungen. Ein weiterer kommt im Dispute Management zum Einsatz: Wenn Kunden Rückfragen oder Einwände zu einer Rechnung haben, wird der Vorgang automatisch durch KI-Agenten vorverarbeitet und in vielen Fällen auch vollständig beantwortet. Der konkrete Nutzen für unsere Kunden zeigt sich besonders auch im Shared-Service-Bereich. Auch in der Softwareentwicklung sind die Effekte besonders spürbar: KI beschleunigt unsere Innovationszyklen erheblich und hilft uns, unsere Produkt-Roadmap schneller und umfassender umzusetzen.
Wie kommt die KI-Strategie bei den Anwenderunternehmen an? Viele stecken ja noch mitten in der S/4HANA-Migration. Überfordert sie das neue Thema, oder überwiegt die Begeisterung, KI endlich dort einsetzen zu können, wo sie wirklich Nutzen stiftet?
Saueressig: Das Feedback unserer Kunden ist sehr positiv: Viele möchten ihre Migration sogar beschleunigen, um die Vorteile der neuen KI-Funktionen zu nutzen. Wer bereits in der Cloud ist, profitiert automatisch von den eingebetteten KI-Lösungen.
Zusätzlich bieten wir eine Reihe integrierter Werkzeuge – von Signavio über LeanIX und WalkMe bis hin zum Cloud Application Lifecycle Management, die unsere Kunden gezielt bei der Prozessoptimierung und Migration unterstützen.
“Ein Rechenzentrum in Deutschland macht noch keine souveräne Lösung”
Aktuell wird ja viel von digitaler Souveränität gesprochen. Zeigt sich das auch bei der Nachfrage oder kneifen die Kunden, wenn es um die Kosten geht?
Saueressig: Ich glaube, hier ist eine differenziertere Betrachtung entscheidend. Einerseits sehen wir eine sehr starke Nachfrage nach digitaler Souveränität – und zwar nicht nur von Behörden oder dem Verteidigungssektor, sondern zunehmend auch von Unternehmen aus anderen Branchen. Die geopolitische Lage hat das Thema deutlich in den Fokus gerückt. Für uns ist das ein Vorteil, denn als deutsches Unternehmen können wir uns hier klar positionieren und verzeichnen in diesem Umfeld ein deutliches Wachstum.
SAP ist derzeit der einzige Anbieter, der vollständige Souveränität, also Full-Stack, über alle Ebenen hinweg anbieten kann – von der Anwendung bis zur Infrastruktur. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wo ein Rechenzentrum steht, sondern darum, wie die gesamte technische und rechtliche Kontrolle organisiert ist. Genau das ist unser strategischer Ansatz. Unseren Kunden können selbst entscheiden, welche Infrastruktur sie bevorzugen – ob Microsoft, Amazon, Google, STACKIT oder andere. Denn Infrastruktur ist im Grunde ein austauschbares Mittel zum Zweck, um Anwendungen bereitzustellen. Entscheidend ist, wie die Applikation mit den Daten umgeht und dass die Kontrolle bei unseren Kunden bleibt.
Was mir in der öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt: Ein Rechenzentrum in Deutschland allein macht noch keine souveräne Lösung – insbesondere dann nicht, wenn dort weiterhin Server oder Chips aus den USA verbaut sind. Souveränität ist ein Zusammenspiel aus Datenhaltung, Betrieb, Technik und rechtlichen Rahmenbedingungen. Genau darauf legen wir größten Wert.
Wie passt dazu die Ankündigung Ihrer Partnerschaft mit Open AI? Gerade für Behördenlösungen scheint das doch ein Widerspruch zu sein.
Saueressig: Als führendes europäisches Softwareunternehmen sehen wir uns in der Verantwortung, digitale Souveränität mitzugestalten.
Unser Ziel ist es, eine souveräne Infrastruktur bereitzustellen, die auch für besonders sensible Bereiche wie den öffentlichen Sektor geeignet ist. So können wir moderne KI-Lösungen wie Microsoft Copilot oder ChatGPT in einer abgeschotteten, autarken Umgebung anbieten – unter Bedingungen, die höchste Anforderungen an Datenschutz, Kontrolle und Unabhängigkeit erfüllen. Spitzentechnologie und digitale Souveränität sind kein Widerspruch.
Die technische Grundlage bilden Azure-Rechenzentren, die jedoch zu hundert Prozent Eigentum von SAP sind und autark betrieben werden. Microsoft ist weder involviert noch hat das Unternehmen Zugriff auf die Daten. Der Betrieb erfolgt vollständig über die Delos Cloud, eine hundertprozentige SAP-Tochter. Der technische Betrieb wiederum liegt bei Arvato Systems, einer Tochter von Bertelsmann – also ebenfalls einem deutschen Unternehmen.
“Wir dürfen uns bei KI nicht künstlich ausbremsen”
Warum OpenAI und nicht europäische Lösungen wie Aleph Alpha oder Mistral?
Ich bin überzeugt: Deutschland profitiert davon, wenn wir Zugang zu Spitzentechnologie haben, und diese konsequent nutzen. Gerade bei einem so dynamischen Thema wie KI dürfen wir uns nicht künstlich ausbremsen. Weltweit wird mit enormem Tempo entwickelt und investiert – und wir müssen mithalten, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen.
Wir haben mit „OpenAI for Germany“ ein Modell geschaffen, das Spitzentechnologie in einer vollständig abgeschotteten, souveränen Umgebung verfügbar macht. Damit verbinden wir technologische Exzellenz mit maximaler Kontrolle und stärken gleichzeitig die digitale Souveränität unserer Kunden.
Man kann natürlich auch sagen, dass es dabei mit der Unabhängigkeit nicht weit her ist – man ist ja trotzdem noch abhängig von Updates.
Saueressig: Das ist ein berechtigter Einwand – technische Abhängigkeiten lassen sich in der IT nie ganz vermeiden, egal ob es um Hardware, Software oder Updates geht. Für uns ist entscheidend, dass Souveränität bei SAP immer vier Dimensionen umfasst: Erstens Datensouveränität, also dass alle Daten in Deutschland gespeichert und verarbeitet werden müssen. Zweitens die Betriebssouveränität, das heißt, der Betrieb erfolgt durch deutsche Staatsbürger. Drittens die technische Souveränität – wir müssen die eingesetzten Technologien vollständig kontrollieren und unabhängig betreiben können. Und viertens die rechtliche Souveränität, also die Einhaltung aller deutschen und europäischen Gesetze.
Mit der Delos Cloud erfüllen wir all diese Anforderungen. Sie ist vollständig in SAP-Hand, wird autark betrieben und garantiert, dass unsere Kunden moderne Technologien nutzen können, ohne auf zentrale Kontrollmechanismen und höchste Sicherheitsstandards zu verzichten. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir damit eine wirklich souveräne Lösung für Deutschland geschaffen haben – eine, die Spitzentechnologie auf sichere und zukunftsfähige Weise bereitstellt.
Quantencomputing als enorme Chance für Deutschland
Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Aktuell sind KI und KI-Agenten das große Thema. Welchen Trend sehen Sie in fünf bis zehn Jahren auf uns zukommen?
Saueressig: Ich rechne damit, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen Durchbruch beim Quantencomputing erleben werden. Das wäre nicht nur ein technologischer Meilenstein, sondern auch eine enorme Chance für Deutschland. Wir verfügen hierzulande über exzellente Forschungseinrichtungen und eine starke Ausgangsposition, insbesondere rund um das Munich Quantum Valley, an dem auch SAP beteiligt ist. Gemeinsam mit Partnern haben wir erste Proof-of-Concepts entwickelt, zum Beispiel zur Optimierung von Supply-Chain-Prozessen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für konkrete Geschäftsprozesse.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sicherheit. SAP betreibt weltweit geschäftskritische Systeme – für viele Unternehmen. Sicherheit hat für uns höchste Priorität, und wir investieren schon heute in Quantum-Safe Security, um unsere Systeme zukunftssicher aufzustellen.
Ich bin überzeugt: Quantencomputing hat das Potenzial, die nächste große technologische Entwicklung nach KI zu werden – und Deutschland hat die Chance, dabei ganz vorne mitzuspielen, wenn wir unsere Stärken gezielt nutzen und weiter ausbauen.
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